Ein offener Brief an die Politiker und die Medien  (Auszug)
Für heute ist genug ...
Quelle: Süddeutsche Zeitung, 2002

"Für heute ist es genug, Herr Heise." Dieser Satz des Erfurter Amokläufers sollte uns zum Nachdenken anregen. "Für heute ist es genug, wenn ihr euch endlich besinnt", könnte es auch heißen.

Das so oft beschriebene Gewaltpotential in uns ist eine natürlich Anlage. Gewalt gehört zu uns wie die Liebe, die Leidenschaft oder der Hass. Sie ist ein Ausdrucksmittel starker Emotionen. Und genau das ist der Knackpunkt. Sie ist ein Ausdrucksmittel. Oftmals wird dieses Mittel missbraucht. Da müssen wir wieder sensibler werden. Wir müssen den Umgang mit der Gewalt wieder neu lernen. Wir müssen den Menschen als Individuum akzeptieren, so wie er geschaffen ist - fehlerhaft und keinesfalls perfekt.

Sehr geehrte Politiker, Gelehrte, Intellektuelle und Medien: hört auf mit dem Verschieben und dem Delegieren der Verantwortlichkeit für die Gewalt. Die lächerliche Änderung des Jugendschutzgesetzes, die Reglementierung in der Handhabung von Videos und Filmen, die Katalogisierung von guter und schlechter Gewalt sind Scheinmaßnahmen. Ihr lenkt doch damit nur ab von dem Ursprung der Gewalt. Der erhobene Zeigefinger und noch mehr Einschränkungen und noch strengere Verbote provozieren stets neue Gewalt. ...

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